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Nicht-duales Denken – was es ist und was es nicht ist

Von Richard Rohr, OFM

 

Es ist kein relativistisches Denken.

Es ist kein Skeptizismus.

Es sagt nicht: „Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille“.

Es bedeutet nicht, dass man unterschiedliche Perspektiven anerkennt.

Es ist kein benebeltes Denken.

Es heißt nicht, dass man sich nicht festlegen will.

Es ist nicht irgendeine esoterische östliche Philosophie.

 

Nicht-duales Denken ist eine Sichtweise, die das Negative und das Problematische, die herausfordernden und schwierigen Anteile in allen Dingen nicht ausmerzen muss. Und damit meine ich wirklich „in allem“! Auf diese Weise wird unser Denken erhellt und geschärft, und somit unsere Fähigkeit wirklich wahrzunehmen verbessert. Das nicht-duale Denken spaltet das, was wir sehen nicht auseinander, wie wir es sonst automatisch tun, sondern erfasst es in seiner Ganzheit. Es bietet ein grundlegendes JA zum gegenwärtigen Augenblick noch bevor Furcht, Protektionismus oder antagonistische Gedanken sich breit machen und die Herrschaft übernehmen können.

            Genau das meinen die meisten großen spirituellen Lehrer wenn sie sagen „Richtet nicht“ (Mat. 7,1). Sie wollen damit nicht unsere Fähigkeit zu kritischer Stellungnahme schwächen, sondern lehren, wie man dem, was vor einem liegt, erstmal mit einem grundlegenden JA begegnen kann. Wir können nicht mit einem NEIN anfangen. Ironischerweise wächst gerade durch das JA unsere Fähigkeit, kritisch zu unterscheiden, denn nun steht uns unser kleines Selbst, das ja vor allem um seine Erhaltung bemüht ist, nicht länger im Weg, und wir können die Wahrheit Wahrheit sein lassen – ganz gleich ob sie nun schmeichelhaft für uns ist, oder nicht, ob sie hilfreich oder problematisch ist.

            Nicht-duales Denken lehrt uns, eine kreative Spannung zu halten, mit Paradoxem und Widersprüchlichem zu leben, vor dem Geheimnisvollen nicht zu flüchten und damit das einzuüben, was alle Religionen als ihr eigentliches Ziel bezeichnen: Mitgefühl, Barmherzigkeit, Herzensgüte, Geduld und Demut. Man hat uns religiöse Aufträge erteilt ohne zu erklären, welcher Weg uns tatsächlich dahin führen kann. Am Ende geben wir schließlich auf und ziehen uns still und heimlich zurück von etwas, das uns vorkommt wie bloßes idealistisches Geschwätz. Wir müssen wegkommen von einer Religion, die auf Glauben basiert (und wenig Anforderungen an das Ego stellt) hin zu einer Religion, die auf Praxis basiert (und dem Ego damit fast alles abverlangt). Es geht gar nicht darum, etwas zu glauben oder nicht zu glauben; probier es einfach in der Praxis aus und du wirst es selbst erkennen.

            Unser Codewort für dieses nicht-duale Denken heißt „Kontemplation“! Geistliche Lehrer fordern die Gläubigen immer wieder auf, kontemplativer zu werden, aber nur wenige haben sich auch konkret dazu geäußert, wie das in der Praxis aussehen kann. Das hat zur Folge, dass die meisten, wenn sie von kontemplativen Menschen sprechen,  an „Gebetsmenschen“ denken, an Introvertierte, Kirchentypen, Fromme oder gar an anti-soziale Typen, die sich nicht gern mit anderen Menschen oder gesellschaftlichen Problemen abgeben. Das kann ja wohl nicht wahr sein. Und es ist auch nicht wahr.

            Gemäß des derzeitigen „Reifegrades“ der meisten großen Religionen hat man uns größtenteils beigebracht, Spannungen auszumerzen. Wir bekommen viel mehr Unterstützung bei allem, was das Ego voranbringt als bei dem, was dem Ego hilft, loszulassen. Die meisten religiösen Menschen sind geradezu darauf gepolt, sofort das Negative in den Blick zu nehmen. Wir sind auf Dualismus getrimmt und nennen das sogar noch Heiligkeit! Wir haben nicht gelernt, die Botschaft zu bedenken, die uns das Scheitern anbietet (Geduld, Demut und Leidensfähigkeit); statt dessen  verdammen und hassen wir das Scheitern. Wir versuchen, es auszumerzen (als ob wir das könnten) und unsere Probleme und Ängste anderswohin zu projizieren.

           

Die meisten Bücher mit spirituellen, theologischen oder politischen Themen versorgen unseren alten Verstand lediglich mit neuen und sogar ziemlich guten Ideen, mit denen wir uns dann befassen, um ihnen schließlich zuzustimmen oder sie abzulehnen. Dies wiederum nährt im Selbst ein Gefühl von Abspaltung oder Überlegenheit. Neue Ideen geben dem Ego auf schnellem Wege neue Nahrung. Für unser eigentliches Verhalten machen sie aber keinen Unterschied, denn wir lassen nur das wirklich an uns heran, mit dem wir sowieso schon einverstanden sind. Aus diesem Grund endet das Wachstum der meisten Menschen schon in einem sehr frühen Stadium.

            Wir beschreiben hier einen gänzlich „neuen Geist“, wie Paulus ihn genannt hat (Phil 2,5). Wir filtern nicht mehr bloß ein paar neue Ideen mit unserem alten, überbeanspruchten Filtersystem. Wir greifen im Grunde auf ein vollkommen neues System zu. Wahrscheinlich meinte Einstein das, als er sagte: „Kein Problem kann auf derselben Bewusstseinsebene gelöst werden, auf der es einst entstanden ist.“

            Mit einer modernen Metapher könnte man es so ausdrücken, dass die gängige religiöse Vermittlung/Lehre niemals die Hardware unseres PCs verändern wird. Das „Mother Board“ bleibt das Gleiche. Wir nutzen es halt, um mit unserer neuesten Software zu spielen. Am Ende tun wir nichts anderes, als ständig die modernen Programme ein- und auszubauen, die sich ja selbst so schnell verändern wie der Wind. Und damit gibt es keine radikale Verwandlung des Selbst.

            Von einer gereiften Religion haben wir schon immer gehört, dass wir einen völlig neuen Kopf brauchen! Wir brauchen ein neues „Mother Board“, wir müssen die Hardware selbst austauschen, mit der wir unsere Erfahrungen verarbeiten! Und genau das meinen die großen spirituellen Lehrer wenn sie von Bekehrung, Erneuerung, Buße, Umkehr und Transformation reden. Da geht es dann nicht nur um eine Veränderung von Moralvorstellungen oder Glaubenssystemen. Es ist eine fundamentale Veränderung der Art und Weise, wie wir unsere Erfahrungen aufnehmen, deuten und verarbeiten. Ich vermute, dass die Stelle in Epheser 4,23 genau das meint, wenn es dort heißt: „Euer Geist und Sinn muss erneuert werden durch eine neue geistliche Bewegung/Revolution“. (Richard zitiert Eph. 4,23 so: „Your mind must be renewed by a spiritual revolution“ bei Luther klingt es etwas anders) Wenn uns Religion wirklich verwandeln soll, dann ist das nicht anders zu haben. Solange es zum Beispiel in der Politik nur um Identitäten geht – die Egospielchen unbedeutender Männer und Frauen um Sieg oder Niederlage, oder um irgendeine Variante von „meine Partei muss wiedergewählt werden“ – solange werden wir immer weiter diese bescheidenen Ziele ansteuern und in den höchsten Tönen nur davon reden. Was dabei verloren geht, ist das Allgemeinwohl und jegliche allgemeingültige Wahrheit. Wir nennen das die  „schlingernde“ – pragmatische – „Wahrheit“ im Gegensatz zur Großen, Umfassenden Wahrheit.

            Dualistisches Denken ist nicht in der Lage, Gott, Geheimnis, Liebe, Leiden oder eine umfassende Wahrheit zu erfassen. Wenn im Kontrollturm lediglich ein binäres System arbeitet, dann sind da zu viele Wahrheiten, über die wir nicht reden, geschweige denn die wir sehen dürfen. Wir sollten das dualistische Denken aber auch nicht eliminieren – das wäre ja an sich wieder dualistisch. Das binäre System als solches ist ja auch in Ordnung, sehr hilfreich für die Wissenschaft, für Einschätzungen und praktische Entscheidungen, aber es führt nicht weit genug! Es taugt nicht für die Entfernungen, die wir vor uns haben! Oft negiert es nur oder weist auf die andere Seite hin, was für den Anfang auch ganz gut ist. Das nicht-duale Denken dagegen zeigt nicht nur auf, was fehlt oder was falsch ist, es will uns immer sagen: „Da gibt es noch mehr! Da gibt es noch mehr! Kein Konzept beinhaltet die ganze Wahrheit.“ Dieses Denken weigert sich, das Feld zu unterteilen um es dann abzusperren. (“It refuses to divide the field for the sake of closure”)

            Wir können nichts erkennen, wenn uns keiner sagt, wonach wir Ausschau halten sollen. Wir können nichts erkennen, wenn wir nicht ordentlich „verkabelt“ worden sind. Die Religion hätte bei uns eigentlich die Anschlüsse so legen sollen, dass wir Zugriff auf das große Ganze bekommen würden – leider wurde über Jahrhunderte diese Aufgabe von den meisten Weltreligionen eher vernachlässigt. Und das könnte auch die immensen Probleme, in denen wir heute stecken, erklären. Ja, vielleicht ist es sogar die Erklärung schlechthin.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Heidi Lang